Einblick

Indigo

Lektion Nr.6                               

 

Indigo

 

Theatervorraum, Abend. Mann, indigofarbener Anzug, gesunken in einen Ledersessel. Schlanke Dame mit gewelltem roten Haar eilt in das Foyer, blickt sich suchend um und kramt dann in ihrer Handtasche.

Der Mann: Sie suchen?

Dame: Feuer.

Er erhebt sich und gibt ihr Feuer. Sie sieht ihn zum ersten Mal ernsthaft an.

Dame: Sie wurden auch versetzt?

Der Mann: Das muss schon lange her sein.

Dame: Sie ärmster. Das sollte keinem passieren.

Der Mann: Ihnen ist es ebenfalls widerfahren.

Dame: Noch ist Hoffnung.

Der Mann: Die gibt es hier nicht – kein Platz.

Dame: Sagen Sie das nicht. Das dürfen Sie nicht sagen.

Der Mann: Wie ist es draußen?

Dame: Draußen? Vor dem Theater?

Der Mann: Genau. Vor dem Theater. Das interessiert mich schon lange.

Dame: Es regnet. Es stinkt. Zigaretten liegen verstreut, als habe man seit Wochen nicht gefegt.

Der Mann. Ah, herrlich. Regen. Wie gerne würde ich… Sprechen Sie weiter!

Dame. überlegt Der Wind geht durch die Stadt, zerrt und zieht. Es ist schwer eine solche Frisur heil durch den Herbststurm zu tragen.

Der Mann: Auch Blätter? Laub?

Dame: Oh, ja. Es kreist in allen Farben!

Der Mann: Auch Indigo?

Dame: Ich bedaure.

Der Mann: Wie bedauerlich.

Dame: Aber sehen Sie doch selbst.

Der Mann: Ich würde so gern.

Dame: So kommen Sie doch. Es ist direkt vor der Tür.

Der Mann: Ich dachte, sie sprachen von einem fernen Land.

Dame: Nein, nein. Direkt vor dem Theater, erinnern Sie sich.

Der Mann: Bedaure.

Dame: So kommen Sie doch.

Der Mann: Es geht nicht. Das Theater hält mich gefangen.

Dame: Ist es die Wahrheit?

Der Mann: Ich bedaure, nicht mit Ihnen gehen zu dürfen. Seit einer Ewigkeit warte ich in diesem Foyer und wenn ich nicht aufpasse, werde ich auch eine zweite Ewigkeit warten müssen.

Dame: Ich kann es mir nicht denken.

Der Mann: Was?

Dame: Das Warten.

Der Mann: Aber Sie warten doch auch.

Dame: Ich komme gerade erst. Das ist der Unterschied.

Der Mann: Nur ein Temporärer.

Dame: Und ich kann gehen, wann immer es mir passt.

Der Mann: Das glaube ich kaum.

Dame: Aber ich erinnere mich noch. Ich kann erzählen.

Der Mann: Vom Regen, und vom Wind. Und vom Laub in allen Farben.

Dame: Außer Indigo.

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